e


EINLEITUNG
Angela Völker

Die Sammlung orientalischer Knüpfteppiche des MAK gehört auf Grund ihres Schwerpunktes in den einzigartigen persischen und mamlukischen Teppichen des 16. und 17. Jahrhunderts, die als unwidersprochene Höhepunkte orientalischen Kunsthandwerks gelten, zu den berühmtesten ihrer Art. Wahrscheinlich kann man sie ohne Übertreibung sogar als "die" berühmteste einstufen, obwohl sie weder die umfangreichste oder umfassendste ist, noch im eigentlichen Sinne nach musealen Kriterien gesammelt wurde.
Die orientalischen Knüpfteppiche der Wiener Sammlung stammen aus drei Quellen. Ihre Geschichte ist deshalb nicht nur mit dem 1864 als "Österreichisches Museum für Kunst und Industrie" gegründeten und heute "MAK" genannten Haus verbunden, in dem sie aufbewahrt werden. Die meisten der weltbekannten Stücke waren vor dem Ende des Ersten Weltkriegs im Besitz des ehemaligen österreichischen Kaiserhauses. Schon seit der Eröffnung des Museums waren einzelne Teppiche kaiserlicher Provenienz als Leihgaben ausgestellt. Die orientalischen Teppiche aus der dritten Quelle schließlich, dem "k. k. österreichischen Handelsmuseum", wurden 1907 angekauft. Dieses 1875 gegründete Museum gab 1891 mit der großen "Ausstellung Orientalischer Teppiche" einen international wirksamen Anstoß, Orientteppiche als Sammelobjekte zu betrachten. Orientteppiche, die seit dem 14. Jahrhundert über Genua und Venedig importiert und schon im 13. Jahrhundert von europäischen Reisenden wie Marco Polo beschrieben wurden, haben in Europa als kostbarer Besitz der Herrscher, des Adels und reicher Kaufleute besondere Beliebtheit erfahren. In den zu verschiedenen Anlässen erstellten Inventaren kommen sie durchweg im Kontext der Einrichtungsgegenstände oder der Kleidung vor. Obwohl "nur" Teil des Haushalts, war man sich ihrer Kostbarkeit durchaus bewusst und legte die wertvollsten ausschlie§lich zu besonderen Gelegenheiten auf. Bis heute ist es allerdings nicht gelungen, Genaueres über die Herkunft einzelner, ehemals kaiserlicher Teppiche in der Wiener Sammlung zu erfahren. Der Charakter der bedeutendsten orientalischen Teppiche aus dem Kaiserhaus war vornehmlich auf Repräsentation gerichtet. Großformatige Teppiche, Teppich-Paare und Stücke aus der "klassischen" Zeit, dem 16. und 17. Jahrhundert, bilden in dieser Gruppe den Schwerpunkt. Besonders eindrucksvoll und anschaulich wird diese Funktion der habsburgischen Orientteppiche im Zusammenhang mit dem seidenen Mamluken-Teppich (Kat. Nr. 2) deutlich, dem einzigen Teppich aus kaiserlichem Besitz, der auf Gemälden identifizierbar ist, allerdings erst im 18. Jahrhundert.
Im Sommer 1919 gingen die Orientteppiche aus kaiserlichem Besitz offiziell in die staatliche Kunstverwaltung über. Die Übergabe an das Museum verzögerte sich, da der Plan bestand, die orientalischen Knüpfteppiche zu verkaufen, um die Reparationen bezahlen zu können. Eine Ausstellung in der Säulenhalle sollte 1920 bei den Besuchern Interesse an diesem Schatz wecken, den man nach schwierigen Verhandlungen für die Republik retten konnte. Der Bestand an orientalischen Teppichen des Museums für Kunst und Industrie war zu einem der bedeutendsten der Welt geworden.
Die Übernahme ehemals kaiserlicher Besitztümer in die Museen führte 1920 in Wien zu einer "Musealreform". Dabei scheint die Orientteppichsammlung des Museums wiederum als Finanzierungsquelle ins Auge gefasst worden zu sein. In den zwanziger Jahren wurden jedenfalls insgesamt 24 Teppiche verkauft, darunter eine Reihe unbedeutender Stücke. Allerdings "versilberte" man auch bedeutende Stücke: Aus dem Kaiserhaus hatte das Museum fünf Teppich-Paare übernommen, heute beherbergt es kein einziges mehr. Im Zweiten Weltkrieg waren die wertvollen Orientteppiche in Schloss Immendorf ausgelagert, wo zu Kriegsende 1945 insgesamt fünfzehn Stücke verbrannten. So bedauerlich ihr Verlust ist, den Charakter der Sammlung hat er glücklicherweise nicht verändert.
Nach der Übernahme der kaiserlichen Bestände versuchte das Museum systematischer, klassische Teppiche zu erwerben: 1930 den kleinen, ungewöhnlichen Garten-Teppich (Kat. Nr. 93), 1941 den Kassetten-Teppich (Kat. Nr. 85) der Familie Clam Gallas. Der große Kassetten-Teppich mit Mittelmedaillon (Kat. Nr. 90) wird 1957, der weißgrundige Vogel-Uschak (Kat. Nr. 20) aus der Sammlung Wilhelm von Bode 1966, sowie der kleine Schachbrett-Teppich aus der niederösterreichischen Familie Kuefstein (Kat. Nr. 11) 1971 gekauft.
Heute besteht die Wiener Sammlung aus 150 orientalischen und 50 ostturkestanischen und chinesischen Knüpfteppichen. Einen Überblick geben vor allem die beiden 1986 und 2001 erschienen Sammlungskataloge. Die Ausstellung, zu der diese Broschüre erscheint, soll von 11. Dezember 2002 bis 23. März 2003 eine charakteristische Auswahl zeigen. Im Herbst 2003 wird ihr eine Neuaufstellung im Orientsaal folgen.



Abkürzungen

HM aus dem k. k. Handelsmuseum
Inv. Nr. Inventarnummer/ Erwerbungsjahr
Kat. Nr. Katalognummer
KB ehemals kaiserlich österreichischer Besitz
Knotendichte auf 10 x 10 cm = 1 dm2

Katalognummern beziehen sich auf den Katalog „Die orientalischen Knüpfteppiche im MAK“ von Angela Völker, herausgegeben von Peter Noever, MAK, 436 Seiten, 210 Farbabbildungen, Böhlau Verlag, Wien 2001, ¤95,–.
|intro |Mamluk |Ottoman |Persia:NE|NW |E |S |Central |19th Century |India |Turkey |Central Asia |Caucasus |Prayer Rugs