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SEIDENER JAGDTEPPICH

Kat. Nr. 70
Zentralpersien, Kaschan, 1. Hälfte 16. Jahrhundert
687 x 331 cm
Kette, Schuss, Knoten Seide, asymmetrisch
Knotendichte 14300
Broschierung Silberlahn, z. T. vergoldet, um Seidenseele
Inv. Nr. T 8336/1922 KB


Das Feld zeigt ein achtstrahliges, hellgrüngrundiges Medaillon sowie vier Medaillonsegmente in den Ecken. Das Mittelmedaillon ist mit acht sich bekämpfenden Drachen-Phönixpaaren – hellrot mit Broschierungen – gefüllt. Hier thronte der Schah bei offiziellen Anlässen. Während diese Fabeltiere in China ursprünglich als friedfertige Symbole für Kaiser (Drache) und Kaiserin (Phönix) galten, wandelte der Islam den Drachen in das Böse, welches der Phönix als gute Macht besiegt. In den Ecksegmenten gibt es je zwei Drachen und Phönixe. Den ursprünglich lachsroten, heute auf ein rötliches Beige ausgeblichenen Feldhintergrund überzieht ein Netz von Stauden, Blumen und Felsen. Auf das Mittelmedaillon bezogen sieht man 58 höfisch gekleidete Jäger – meist beritten – und ihre Beute. Die Tiere aus unterschiedlichen klimatischen Zonen machen deutlich, dass ganz allgemein die Jagd als Privileg des Herrschers gemeint ist. Die weinrote Hauptborte als Himmels- oder Paradieszone schmücken paarweise angeordnete geflügelte Wesen. Ein Genius sitzt frontal im Schneidersitz, der andere kniet und reicht ihm eine Schale. Einzelne Genien betonen die Ecken der Hauptborte. Den Hintergrund bilden Blütenranken, Wolkenbänder und exotische Vögel. Der Gestaltung des Wiener Jagdteppichs liegen die künstlerische Inspiration und handwerkliche Fertigkeiten einer Hofwerkstatt zu Grunde. Mit über 14.000 Knoten pro dm2 ist er einer der am dichtesten geknüpften und differenziertest gezeichneten Teppiche überhaupt. Die exzeptionelle Qualität zeigt sich auch darin, dass eine Mustereinheit die Hälfte des Teppichfeldes umfasst. Die nächste Parallele stellt der seidene Jagdteppich im Museum of Fine Arts in Boston dar. Trotz der Unterschiede in Format und Motiven ist er in seiner Wirkung dem Wiener Teppich adäquat. Als Auftraggeber des Wiener Jagdteppichs kommt nur der Schah oder seine unmittelbare Umgebung in Frage. Stilistische Kriterien verweisen auf die Hofkunst unter Schah Tahmasp (1524–1576). Als Entwerfer sind die Hofmaler Sultan-Mohammad (ca. 1505–1550) und Aqa Mirak (vor ca. 1520 – vor 1576) denkbar, sie leiteten die imperialen Malerateliers in Täbris. Aus diesem Umkreis müssen die Entwürfe nach Kaschan, Zentrum der Seidenindustrie, geliefert worden sein. Dort vermutet man die Werkstätten für die seidenen Knüpfteppiche des 16. Jh. Eine Datierung des Wiener Jagdteppichs in die erste Hälfte des 16. Jh. erscheint auch im Vergleich mit dem 1522/23 datierten Mailänder Jagdteppich sinnvoll.
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