ARMENIEN
Was heute als unabhäniger Staat "Armenien" übriggeblieben ist, stellt nur ein kleiner Teil des historischen Siedlungs- und Kulturraumes der Armenierinnen und Armenier dar.
Armeniens staatliche Tradition reicht bis in die Antike zurück und Armenien war 301 nach Christi der erste Staat in dem das Christentum Staatsreligion wurde. Seither ist das spezifisch armenische Christentum unmittelbar mit der armenischen Identität verbunden. Bis heute gehört die Zugehörigkeit zur armenischen Kirche für die ArmenierInnen zum primären Identifikationsmerkmal der Zugehörigkeit zur Armenischen Nation.
Diese Identitätskonstruktion über die Mitgliedschaft in der Armenischen Kirche, wurde durch die Zugehörigkeit des Großteils des armenischen Siedlungsraumes zum Osmanischen Reich noch verstärkt, da das Osmanische Reich seine Bevölkerung nach religiösen und nicht nach sprachlichen Gesichtspunkten in sogenannten millet zusammenfasste. Die Armenier genossen darin, wie die anderen monotheistischen Religionsgemeinschaften eine gewisse Autonomie und waren als dhimmis, als Schutzbefohlene, StaatsbürgerInnen minderer Rechte und Pflichten.
Im Osmanischen Reich siedelten ArmenierInnen im gesamten Osten der heutigen Türkei und teilten sich viele Landschaften Ostanatoliens mit kurdischen NomadInnen osmanischen Muslimen oder aramäischsprachigen Christen. Aber auch in den Städten Westanatoliens und in der Hauptstadt Istanbul gab es große armenische Viertel. Istanbul wurde zum Zentrum der armenischen Intellektuellen und schließlich der armenischen Nationalbewegung.
Das Aufkommen des türkischen Nationalismus war es aber, das den ArmenierInnen im Osmanischen Reich zunehmend Schwierigkeiten bereitete. Da die ArmenierInnen nur über ein kleines geschlossenes Siedlungsgebiet verfügten und überall sonst als Minderheiten präsent waren, passten sie nicht in die Vorstellungen der türkischen NationalistInnen, die sich vor allem in den Jungtürken, denen auch Mustafa Kemal, der später als Atatürk verehrte Gründer der Türkischen Republik, angehörte, organisierten. Die negativen Stereotype die die türkischen NationalistInnen dabei den ArmenierInnen entgegenbrachten, ähnelten in mancher Hinsicht jenen, die AntisemitInnen in Europa Juden und Jüdinnen gegenüber hegten. Die ArmenierInnen wurden, wie Teile der griechischen Minderheit, als wuchernde Händler betrachtet, die für die türkischen MuslimInnen zur Gefahr werden könnten. Dieser Hass auf die armenische Minderheit entlud sich am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer wieder in lokalen Pogromen und Ausschreitungen.
Nachdem das jungtürkische Komitee für Einheit und Fortschritt am 23. Januar 1913 durch einen Staatsstreich in Istanbul die liberale Regierung gestürzt hatte, begann sie bereits im Winter 1913/1914 mit der Vertreibung von Griechen aus der Umgebung von Izmir.
Nach dem Beginn des ersten Weltkrieges wurde die Lage für die armenische Minderheit immer unerträglicher. Der Schutz, den die christlichen Minderheiten durch die Kapitulationen, d.h. durch die Anerkennung europäischer Mächte als Schutzmächte der christlichen Bevölkerung, als Teil europäischer Kolonialpolitik bis dahin hatten, war seit dem Kriegseintritt der Schutzmächte obsolet geworden. Die jungtürkische Regierung nutzte den Kriegspatriotismus um gezielt Gerüchte über die Kollaboration der ArmenierInnen im Osten der Türkei mit dem russischen Feind zu streuen. Ein Minister der türkischen Regierung erklärte offen: "Die armenische Frage schafft man am besten dadurch aus der Welt, dass man die Armenier aus der Welt schafft!"
Im Februar 1915 wurden sämtliche armenische Staatsbedienstete beurlaubt und alle armenischen Soldaten von der Front abgezogen. Ein Teil der armenischen Offiziere wurde vor Kriegsgerichte gestellt und erschossen, die einfachen Soldaten zur Zwangsarbeit in Arbeiterbataillonen verpflichtet. Skandalöse Unterbringungsmöglichkeiten, Mangel an Ernährung und schlechte Wetterbedingungen führten zu tausenden Toten bei diesem Arbeitseinsatz. Gleichzeitig wurde die armenische Zivilbevölkerung systematisch entwaffnet. Wo die Behörden keine Waffen fanden, zwangen sie die Bevölkerung welche zu kaufen um die geforderten Waffenfunde zu ermöglichen. Diese Waffen wurden wiederum als Beweis für den armenischen Verrat und als Beleg für die Notwendigkeit herangezogen, mit brutaler Härte gegen die armenische Bevölkerung vorzugehen. Ende April 1915 wurde bei einer Verhaftungswelle die intellektuelle Elite der ArmenierInnen in Istanbul verhaftet und mit dem Vorwurf des Hochverrates vor Gericht gestellt. Auf den Transporten der Verhafteten in den Osten wurde der Großteil der Verhafteten erschossen oder erschlagen. Ab März 1915 begann schließlich die Deportation der einfachen Bevölkerung. Bei diesen Deportationen wurden zehntausende ArmenierInnen ermordet. Die überlebenden ZivilistInnen wurden meist einfach in die Wüste hinausgejagt, wo sie an Seuchen, Wasser- und Nahrungsmangel starben. Das Vermögen der ArmenierInnen wurde geraubt. Die Botschaft des mit dem Osmanischen Reich verbündeten Deutschen Reiches schätzte am vierten Oktober 1916, dass von den zweieinhalb Millionen ArmenierInnen im Osmanischen Reich bereits zwei Millionen deportiert wurden, von denen eineinhalb Millionen ums Leben gekommen wären.
Genaue Opferzahlen gibt es bis heute nicht. Während der Massenmord an den ArmenierInnen in der Türkei auch heute noch weitgehend tabuisiert ist, stellt er für die überlebenden ArmenierInnen im Exil und im ehemals von der Sowjetunion beherrschten Teil Armeniens, ein nationales Trauma dar. Seit die ehemalige Sowjetrepublik Armenien wieder ihre Unabhängigkeit errungen hat, spielt dieses historische Trauma wieder eine Rolle in den komplizierten Beziehungen des jungen Staates zum übermächtigen Nachbarn Türkei, aber auch in den bewaffneten Auseinandersetzungen um die armenischen Enklave Berg Karabach in Azerbeidschan.
Thomas Schmidinger
AKCAM, Taner: Armenien und der Völkermord, die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung
Hamburg, 1996
GUST, Wolfgang: Der Völkermord an den Armeniern, Die Tragödie des ältesten Christenvolkes der Welt
München, Wien, 1993
HILSENRATH, Edgar: Das Märchen vom letzten Gedanken, Ein historischer Roman aus dem Kaukasus
München, 1994
HOFMANN, Tessa (Hg.): Armenier und Armenien Heimat und Exil
Reinbek bei Hamburg, 1994
WERFEL, Franz: Die vierzig Tage des Musa Dagh
Frankfurt am Main, 1990
