DAMASKUS
Dimashq oder a_-_am, wie Damaskus auf Arabisch genannt wird, ist eine der ältesten besiedelten Städte der Welt. Spuren früher Besiedlung zeugen von einer menschlichen Ansiedlung bereits im 4. Jahrtausend vor Christi.
Im Buch Genesis wird Damaskus bereits im Zusammenhang mit Abraham erwähnt (Gen, 14:15). Die aramäischsprachige Stadt musste sich bis zur Eroberung durch das achämenidische Persien unter Kyros II. immer wieder gegen die Vorherrschaft der Ägypter, Hethiter oder mesopotamischer Reiche wehren, ehe sie schließlich nach der Eroberung des Achämenidenreiches durch Alexander den Großen Teil der hellenistischen Welt wurde.
Die Römer erweiterten schließlich die Stadt und schufen ein beinahe rechteckiges von einer Stadtmauer umgebenes Areal, das heute noch die Altstadt von Damaskus bildet. Von den römischen Stadtmauern sind heute ebenso noch Teile erhalten, wie von römischen Säulen- und Gebäuderesten, die in die nach der Eroberung durch die Muslime im Jahr 636 nunmehr arabische Stadt integriert wurden.
Für die rasche Eroberung, v.a. aber für die Sicherung und Integration des Eroberten in das islamische Reich, war mit ausschlaggebend, dass die lokale aramäischsprachige Bevölkerung Syriens, die arabischsprachigen Muslime überwiegend als Befreier vom byzantinischen Joch und nicht als Eroberer betrachtete. Für diesen Wunsch nach Befreiung war v.a. die byzantinische Religionspolitik verantwortlich. Seit dem 3. Jahrhundert hatten sich die orientalischen Kirchen mit der offiziellen byzantinischen Reichskirche über die Frage der Natur Christi gestritten, was schließlich zu Beginn des 4. Jahrhunderts zur Kirchenspaltung führte. Die überwiegende Mehrheit der Christen Syriens, Ägyptens und Mesopotamiens, standen von nun an der offiziellen Kirche des byzantinischen Reiches feindlich gegenüber und wurden von diesem verfolgt. Die Christenverfolgungen durch das christliche Byzanz überstiegen in ihrer Intensität alle Repressionen durch die heidnischen Kaiser Roms. Die jüdische Bevölkerung musste seit der Übernahme des Christentums als Staatsreligion ebenso verstärkt unter antijüdischen Maßnahmen leiden und wurde als "Gottesmörder" und Ketzer verfolgt. Deshalb wurden die muslimischen Eroberer von der überwiegenden Mehrzahl der BewohnerInnen Syriens als Befreier willkommen geheissen.
Die Hoffnung auf eine größere Toleranz der neuen Herren Syriens erfüllte sich auch, da die muslimisch-arabischen Eroberer kein Interesse an der vollständigen Bekehrung ihrer Untertanen zum Islam hatten. Die Angehörigen der nichtislamischen Monotheismen, also v.a. Christen und Juden, mussten nämlich als "Schutzbefohlene" des Islam erhöhte Steuerabgaben leisten. Ihr Status als Staatsbürger minderer Rechte und Pflichten, war für die islamischen Herrscher durchaus von Interesse. Die Konversion zum Islam war deshalb zwar mit gewissen Vorteilen verbunden, stellte aber kein Zwang dar. Für die altorientalischen Kirchen, insbesondere für die syrisch-orthodoxe Kirche begann so erst nach der Eroberung Syriens durch den Islam ihr goldenes Zeitalter. Es dauerte Jahrzehnte ehe die neuen muslimischen Herren mit der Umayyaden-Moschee eine repräsentative islamische Gebetsstätte errichteten. Erst im Laufe der Jahrhunderte konvertierten immer mehr Christen und Juden zum Islam. Heute noch sind rund 10 % der SyrerInnen Angehörige verschiedener christlicher Konfessionen. Die jüdische Bevölkerung hat erst nach der Gründung Israels das Land verlassen.
Damaskus erlebte eine erste Blütezeit als die Hauptstadt der islamischen Umayyadendynastie kurz nach der Eroberung in die Stadt verlegt wurde. Allerdings verlegten die Abbasiden bereits 750 ihre Hauptstadt nach Baghdad, wohin somit auch die Verwaltung des islamischen Weltreiches übersiedelte.
In den folgenden Jahrhunderten schotteten sich die Religionsgruppen zunehmend gegeneinander ab. Es entstand das muslimische Viertel im Westen, das christliche im Nordosten und das jüdische im Südosten der Stadt. Die Stadt bestand zunehmend aus kleinen autonomen Einheiten mit jeweils einer eigenen Moschee, Kirche oder Synagoge, deren verwinkelte Gassen nachts mit schweren Toren verschlossen wurden. Die Grundstruktur dieser Einteilung in religiös bestimmte Viertel blieb in der Innenstadt bis ins 20. Jahrhundert erhalten.
Eine erneute Blüte erlebte Damaskus jedoch unter Nur ad-Din und der vom ihm nachfolgenden Salah ad-Din begründeten Ayyubiden-Dynastie (11541260). Ziel der Ayyubiden war es nicht nur die christlichen Kreuzritter aus dem "Heiligen Land" zu vertreiben, sondern auch die Vorherrschaft des sunnitischen Islam gegenüber der Schia durchzusetzen. So wurde unter ihrer Herrschaft eine Vielzahl neuer Moscheen und Medresen errichtet. Die Stadt erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung, der sich auch in einer wachsenden Bevölkerungszahl niederschlug. Schließlich entstand unter der Regierung der Ayyubiden mit as-Salihiye ein neues Stadtviertel vor den Toren der Altstadt, das noch heute mit der Mardaniye- und Muhyiddin-Moschee, sowie den beiden Medresen Djaharkasiye und Dulamiye, schöne Beispiele ayyubidischer Baukunst aufzuweisen hat.
Heute ist Damaskus jedoch nicht nur eine Stadt mit einer großen Geschichte, die noch allerorts zu finden ist, sondern auch die moderne Hauptstadt der arabischen Republik Syrien und damit auch das wirtschaftliche und politische Zentrum für über 15 Millionen Menschen, die seit 1963 von der autoritär regierenden Baath-Partei beherrscht werden. Das Regime der Baath-Partei wird dabei v.a. von den religiösen Minderheiten der Christen und Alawiten gestützt. Der von 1971 bis 2000 regierende Präsident Hafez al-Assad und sein seither regierender Sohn Bashir al-Assad gehören selbst, wie viele wichtige Funktionäre der Baath-Partei, der islamischen Sekte der Alawiten an, zu der nur rund 7 % der syrischen Bevölkerung gehören.
Thomas Schmidinger
Marie Fadel: Damaskus, Der Geschmack einer Stadt, Zürich, 2002
Hannes Frank: Syrien, Schauplatz der Geschichte, Bonn, 1989
Horst Klengel: Syrien, München, 1987
Johannes Odenthal: Syrien, Köln, 1993
Gernot Rotter: Syrien, Bremen, 1999
Gerhard Schweizer: Syrien, Religion und Politik im Nahen Osten, Stuttgart, 1998
