HERAT
Herat, im Nordwesten Afghanistans, gehörte jahrhundertelang kulturell und politisch zu Persien. Heute noch dominiert die persische Sprache die Kommunikation in der Stadt und in ihrer näheren Umgebung.
Die Region um Herat ist als fruchtbares Anbaugebiet ebenso berühmt, wie die Stadt für ihre Textilindustrie, ihre Teppichproduktion und ihren Bazar, der heute noch existiert. Herat besitzt eine Vielzahl historisch wertvoller Moscheen und Grabanlagen, die meist noch aus der Zeit stammen, als Herat eine wichtige Station an der Seidenstraße vom Iran über Zentralasien nach China bildete. Den Höhepunkt der Bautätigkeit, aber auch der Literatur, Kunst und Wissenschaft, erlebte Herat von 1293-1507 als Hauptstadt des Timuridenreiches.
Neben den islamischen Bauwerken, beherbergte die Stadt auch ein großes jüdisches Viertel mit mindestens vier Synagogen und einem großen jüdischen Badehaus. Nachdem die jüdische Bevölkerung nach 1978 aus Afghanistan flüchtete, blieben diese jüdischen Einrichtungen im ehemaligen jüdischen Viertel, dem mahalla-yi musahiya, sich selbst überlassen. Die Mulla Samuel Synagoge wurde zu einer Volksschule für Buben, die Gul Synagoge zur Belal Moschee umgewandelt. Die Mulla Ashur Synagoge zerfällt seit Jahren und wird, ebenso wie die Yu Aw Synagoge, teilweise als Wohnhaus benutzt.
Aber nicht nur das Erbe der jüdischen Gemeinde Herats verfällt. Auch für die Renovierung jener islamischen Bauten, die, wie die Freitagsmoschee Masgid i-Gami, während des Bürgerkrieges unzerstört blieben, ist kein Geld vorhanden.
Ein Land wie Afghanistan scheint im Augenblick größere Probleme zu haben, als die Pflege des einmaligen Kulturgutes des Landes. Nach über zwei Jahrzehnten Bürgerkrieg ist das Land wirtschaftlich völlig am Ende. Der Krieg und die islamistische Terrorherrschaft der Taliban haben auch in der Psyche der Menschen tiefe Wunden hinterlassen.
Dabei ist all dies noch nicht Vergangenheit. Wenn die Taliban auch im Windschatten der Luftangriffe der USA nach dem Anschlag auf das World Trade Center aus den Städten vertrieben werden konnten, so befinden sich immer noch versprengte Reste von ihnen in den Bergen und setzen von dort ihren Guerillakampf "gegen Kreuzzügler und Juden " fort.
Aber auch die Einigkeit der ehemaligen Nordallianz zeigte nach der Befreiung Kabuls schon wieder deutliche Risse. Viele Gegenden Afghanistans werden de facto von lokalen Warlords regiert und nicht von der Regierung in Kabul. Die Frauenorganisation RAWA (Revolutionary Association of the Women of Afghanistan), die unter der Herrschaft der Taliban ein Netz illegaler Frauenschulen aufgebaut hatte und unter widrigsten Umständen für die Rechte der afghanischen Frauen kämpfte, berichtet davon, dass die Situation der afghanischen Frauen auch unter der Herrschaft der ehemaligen Nordallianz alles andere als befriedigend ist. Auch wenn Mädchen heute wieder zur Schule gehen dürfen, weigern sich die ehemaligen Mujahedin die Sharia wieder abzuschaffen und durch ein säkulares Recht zu ersetzen. Bereits kurz nach seiner Amtsübernahme erklärte der erste Justizminister nach den Taliban, dass auch unter der neuen Regierung Frauen bei Ehebruch gesteinigt würden, "aber wir werden kleinere Steine nehmen als die Taliban."
Sollte sich trotz dieser Kriegsherren nun doch eine langsame Entwicklung in Richtung einer zivileren Herrschaft in Afghanistan ergeben, werden urbane Zentren wie Herat eine wichtige Rolle im Wiederaufbau des Landes und in der Entwicklung einer aufgeklärten Gesellschaft spielen. Herat war immer eine der urbansten weltoffensten Städte Afghanistans. Ob es möglich sein wird, Afghanistan zu einem halbwegs lebenswerten Land zu machen, wird jedoch nicht nur an den innenpolitischen Entwicklungen Afghanistans liegen, sondern auch an der Politik der Nachbarstaaten, sowie der USA und Europas, die in der Vergangenheit durch die Förderung reaktionärer Islamisten keine rühmliche Rolle gespielt haben.
Thomas Schmidinger
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