ISTANBUL

Istanbul – und nicht Paris oder London – ist die größte Stadt Europas. Das ehemalige Konstantinopel sah sich selbst auch nach der Eroberung durch die Osmanen 1453 als Europäische Metropole eines islamischen Reiches auf Europäischem Boden. Als Sultan Mehmed II. (der Eroberer) den letzten Rest des Byzantischen Reiches eroberte und zur Hauptstadt des aufstebenden Osmanischen Reiches machte, erstreckte sich dieses Reich bereits über große Teile des Balkans, beherrschte aber erst die westlichen Teile Kleinasiens.

Die neuen Herrscher verhielten sich tolerant gegenüber den Eroberten. Istanbul blieb noch über Jahrhunderte hinweg Mittelpunkt der griechischen Kultur, bildete aber zugleich auch das politische und kulturelle Zentrum des multiethnischen und multireligiösen Osmanischen Reiches. Die rasch wachsende Stadt am Bosporus beherbergt bis heute den ökumenischen Patriarchen der orthodoxen Kirche, das Oberhaupt der griechisch-orthodoxen Kirche, aber auch der primus interpares aller orthodoxen Nationalkirchen.
Istanbul wurde bald zu einem Mikrokosmos, der die gesamte Vielfalt des Osmanischen Reiches wiederspiegelte. Als Sitz des Sultans, der mit der zunehmenden Ausbreitung des Reiches auch die Würde des Khalifen, also des Nachfolgers des Propheten und damit des Oberhauptes des sunnitischen Islam, annahm, wurde Istanbul bis zur Absetzung des Khalifen durch die Türkische Republik unter Mustafa Kemal, zum religiösen und politischen Zentrum der sunnitisch-islamischen Welt. In der Stadt ließen sich unter dem Schutz des Sultans bald blühende jüdische Gemeinden nieder, die insbesondere durch Flüchtlinge aus dem 1492 von den christlichen Heeren der Spanier eroberten Granada, rasch anwuchsen. Wurden die Jüdinnen und Juden Spaniens von den nun christlichen Herren Spaniens vor die Wahl gestellt, sich entweder zum Christentum zu bekehren oder das Land zu verlassen, fanden sie hier eine neue Heimat, die ihnen bis heute Schutz und Zuflucht bietet. Noch heute sprechen viele Jüdinnen und Juden Istanbuls einen mittelalterlichen spanischen Dialekt, das Ladino. Als einer der wenigen mehrheitlich islamischen Staaten blieben die meisten von ihnen auch nach der Staatsgründung Israels in der Türkei und besitzen heute noch über 20 aktive Synagogen in Istanbul
Bursa und Izmir. Ende des 19. Jahrhunderts kam zu den sephardischen Gemeinden Istanbuls auch noch eine askenasische Gemeinde österreichischer Juden, die sich 1900 mit dem "Österreichischen Tempel” eine eigene Synagoge errichtete. Vielen österreichischen und deutschen Jüdinnen und Juden, sowie politisch Verfolgten bot die Stadt auch während der nationalsozialistischen Herrschaft Zuflucht.
Neben den jüdisch-rabbinsichen Gemeinden entwickelte sich in Istanbul auch die bereits aus byzantinischer Zeit stammende karäische Gemeinde. Diese Anhänger einer im 8. Jahrhundert im heutigen Iraq entstanden jüdischen Sekte, besitzen heute noch eine kleine Synagoge in Istabul und stellen eine der letzten noch existierenden karäischen Gemeinde außerhalb Israels dar.
Die Ausbreitung des Osmanischen Reiches führte jedoch auch zur Ansiedlung von armenischen Christen in der Stadt. Istanbul wurde bis zu den Armenier-Verfolgungen 1915 zum wichtigsten religiösen und kulturellen Zentrum der armenischen Diaspora. Im Laufe der Zeit entstanden weitere christliche Gemeinden orientalischer und europäischer Konfessionen. Die Zuwanderung anatolischer Türken und Kurden führte schließlich auch zur Entstehung alewitischer Gruppen in der osmansichen Hauptstadt, die hier jedoch unter dem Mantel des offiziellen sunnitischen Islam ihre Religion ausüben mussten.
Auch ein Teil der jüdischen Bevölkerung, die Anhänger des 1626 in Smyrna geborenen "Messias” Sabbatai Zwi bekannte sich offiziell zum Islam, hielten jedoch im Geheimen an ihrer Religion fest. Von den Muslimen wurden sie deshalb abwertend als Dönmeh (die sich wendenden) bezeichnet. Auch sie besitzen mit dem Selanikliler Mezarlghi heute noch eine Friedhof im Stadtteil Üsküdar.
Die Angehörigen der nichtmuslimischen Minderheiten konnten im Gegensatz zu den muslimischen Sekten ihre Religion jedoch weitgehend ungehindert ausüben. Im Millet-System des Osmanischen Reiches genossen sie eine gewisse Autonomie in der Rechtssprechung und ihren internen Angelegenheiten, mussten dafür aber eine kollektive Steuer an die osmanischen Herrscher entrichten, die von den religiösen Autoritäten aufgebracht werden musste.
Nachdem das Osmanische Reich von der Türkischen Republik unter Mustafa Kemal 1923 abgelöst wurde, hatten auch die alten Millets endgültig ausgedient. War die armenische Bevölkerung Istanbuls bereits den Verfolgungen der Jungtürken von 1915 weitgehend zum Opfer gefallen, so drohte nun auch das Ende der griechischen Bevölkerung der Türkei. Zwar wurde die griechische Bevölkerung Istanbuls, der bei Istanbul gelegenen Prinzeninseln und der ägäischen Insel Imroz vom folgenden "Bevölkerungsaustausch” mit Griechenland ausgenommen, trotzdem wurden in den folgenden Jahrzehnten große Teile der griechischen Bevölkerung Istanbuls durch türkische Flüchtlinge aus Griechenland ersetzt.
Trotz der nationalstaatlichen Homogenisierungspolitik der Türkei ist Istanbul auch heute noch eine weltoffene und vielfältige Stadt. Neuzuwanderer aus Russland und aus den kurdischen Gebieten der Türkei bevölkern die Stadt ebenso, wie Reste der alten griechischen und armenischen Minderheiten. Nirgendwo sonst in der Türkei treffen hier die Gegensätze zwischen reichen ganz auf Europa hin ausgerichteten urbanen Bevölkerungsschichten mit armen aus Anatolien stammenden, religiösen Bevölkerungsgruppen aufeinander. Nirgendwo sonst wird ein Gemisch aus verschiedensten Kleidungsstilen so deutlich wie hier. Nirgendwo sonst in der Türkei gibt es eine so offene Lesben- und Schwulenszene und nirgendwo sonst prallen politische und soziale Gegensätze so heftig aufeinander wie in Istanbul. Nirgendwo sind sich die Geçekondos, über Nacht errichteten Armenvierteln den Villenvierteln der Reichen so nahe wie in der Stadt am Bosporus.
Obwohl die Hauptstadt der Türkischen Republik nach Ankara verlegt wurde, befindet sich immer noch hier, im weit größeren Istanbul, der Focus der politischen und sozialen Auseinandersetzungen des Landes. Es gibt keine politische Strömung der Türkei, von AnarchistInnen, TrotzkistInnen und KommunistInnen über kurdische NationalistInnen, KemalistInnen, bis hin zu den verschiedensten Gruppen des islamistischen und des faschistischen Spektrums, die nicht hier ihren eigentlichen Mittelpunkt hätte. Istanbul ist heute auch der Brennpunkt von Demonstrationen, Hungerstreiks politischer Gefangener und sozio-kultureller Auseinandersetzungen.
Istanbul ist aber auch immer noch eine wunderschöne am Bosporus gelegene Stadt mit einer historischen Tradition, die von den Römern und Griechen über die Osmanen bis zur modernen Türkei reicht, die Europa mit Asien verbindet, eine Brücke zwischen zwei Kontinenten, die eine gemeinsame Geschichte, aber auch wechselseitige Vorurteile und Konflikte miteinander verbindet.

Thomas Schmidinger

Fikret Adanir: Geschichte der Republik Türkei
Mannheim / Leipzig / Wien / Zürich, 1995

Andrea Gorys: Istanbul
Hamburg, 1999

Klaus Kreiser: Istanbul, Ein historisch-litararischer Stadtführer
München, 2001

Andrew Wheatcroft: The Ottomans, Dissolving Images
London, 1995

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