KURDISTAN
Kurdistan ist kein Staat und kein fest umrissenes Territorium, wenn auch Teile der kurdischen Nationalbewegung dies anstreben oder, wie die ehemalige PKK, anstrebten. Was heute eine kurdische Identität ist, ist aber sehr stark vom politischen Bekenntnis der jeweiligen AkteurInnen abhängig. Da es nie einen dauerhaften kurdischen Nationalstaat gab, kam es auch nie zu einer nationalen Homogenisierung oder zur Bildung einer einheitlichen Schriftsprache. Ob sich etwa lurisch- oder zazakisprachige Menschen als KurdInnen oder als angehörige eigener ethnischer Gruppen verstehen, die mit den kurmanjisprachigen KurdInnen nicht mehr gemeinsam haben als die IranerInnen, hängt primär von deren Selbstdefinition ab.
Zu dieser sprachlichen Vielfalt verwandter iranisch-kurdischer Sprachen, kommen noch Minderheiten innerhalb der kurdischen Gebiete, die verschiedene turkmenische und aramäische (Turoyo, Fellihi) Dialekte sprechen.
Das Siedlungsgebiet kurdischer Bevölkerungsgruppen wurde durch die Aufteilung des osmanischen Reiches in mehrere Nationalstaaten zerrissen, in denen die KurdInnen mehr oder weniger große Minderheiten darstellen. Über ein Drittel des kurdischen Siedlungsgebietes liegt heute im Südosten der Türkei von der iranischen Grenze bis über den Euphrat in den Westen. Jeweils rund ein Viertel des kurdisch besiedelten Gebietes liegt im Nordirak und im Nordwesten des Iran. Kleinere kurdische Regionen finden sich im Nordosten, Norden und Nordwesten Syriens bei Qamishli, Ain al-Arab und Afrin. Rund 300.000 KurdInnen lebten zudem in der ehemaligen Sowjetunion. Nach deren Zerfall in einzelne Nationalstaaten verblieben sie als kleine Minderheiten in den unabhängigen Staaten Armenien und Azerbeidschan.
Während die sowjetischen KurdInnen gewisse kulturelle Rechte, allerdings keine eigene Sowjetrepublik, erhielten, wurde ihre Situation in den neugeschaffenen Nationalstaaten zunehmend prekär. Die kemalististische Türkei verstand sich nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches, nicht mehr als muslimischer, sondern als türkischer Staat. Für sprachliche und kulturelle Minderheiten fand sich in diesem türkischen Nationalstaat kein Platz mehr. Unter Mustafa Kemal, später als Atatürk (Vater der Türken) verehrt, wurde nicht einmal die Existenz einer kurdischen Minderheit zur Kenntnis genommen. Aus KurdInnen wurden Bergtürken, die aus türkischer Sicht keine eigene Sprache sprachen, sondern nur irgendwelche verkommenen Dialekte. Diese rückständigen Menschen müssten, so die damalige Lesart, modernisiert und zwangsweise in die türkische Nation eingegliedert werden. Der türkische Nationalismus schwebte dabei zwischen einem völkischen und staatsbürgerlichen Nationskonzept hin und her, bei dem letzteres schließlich jedoch von größerer Bedeutung blieb. Ziel türkischer Politik war demnach auch nicht die Auslöschung der KurdInnen als Menschen, sondern die Zerstörung ihrer kollektiven Identitäten und die Eingliederung in die Türkische Nation. Wer sein kurdisch sein verleugnete und sich als Türke oder Türkin definierte, konnte es bis zu hohen politischen Ämtern bringen, wer jedoch darauf beharrte kurdisch zu sein, wurde allein schon aufgrund dieses Bekenntnisses verfolgt. Aufstände kurdischer NationalistInnen wurden nicht erst in den 90er Jahren blutig niedergeschlagen. Die kurdische Sprache war bis Ende der 90er Jahre verboten. Der blutige Krieg zwischen der türkischen Armee und der Guerilla der PKK, die im August 1984 unter Abdullah Öcalan den bewaffneten Kampf gegen die Regierung aufnahm, führte zur Verwüstung ganzer Landstriche und zur Vertreibung kurdischer Dorfbevölkerung, die sich in der Folge immer zahlreicher in den Armenvierteln der großen Städte der Westtürkei niederließ. Auch nach dem Ende des bewaffneten Kampfes in der Folge der Verhaftung Abdullah Öcalans und der zögerlichen Anerkennung marginaler kultureller Rechte der kurdischen Minderheit durch die türkische Regierung, sind die sozialen und ökonomischen Ursachen für den Konflikt völlig ungelöst geblieben. Der kurdischsprachige Teil der Türkei ist weiterhin von feudalen Strukturen und einer Armut geprägt, die selbst das Elend in den Armenvierteln der Großstädte der Westtürkei in den Schatten stellt.
Auch in den arabischen Staaten Syrien und Iraq standen die kurdischen Minderheiten dem Ziel einen arabischen Nationalstaat zu errichten im Wege. Insbesondere nach der Machtergreifung der nationalistischen Baath-Partei in beiden Staaten, wurden die KurdInnen nicht mehr als gleichberechtigte Bevölkerungsgruppe zur Kenntnis genommen. Während sie in Syrien, wo sie nur eine relativ kleine Minderheit darstellen, aber kaum stärkeren Verfolgungen ausgesetzt sind, wurden sie vom iraqischen Baath-Regime ständig als Bedrohung für die nationale Einheit des Iraq betrachtet. Zwar wurde im Gegensatz zur Türkei auch dort nicht ihre Existenz geleugnet und ihnen nach dem Sturz der Monarchie durch Abd al-Karim Qasim sogar eine kulturelle und politische Autonomie zugesichert, diese Versprechungen hielten jedoch kaum länger, als spätere Autonomieversprechungen durch die Mitte der Sechzigerjahre zur Macht gelangte Baath-Partei, unter deren Herrschaft ein grausamer Krieg gegen die wichtigsten kurdischen Parteien des Irak, die Kurdische Demokratische Partei (KDP) und die Patriotische Union Kurdistans (PUK) geführt wurde. Der traurige Höhepunkt dieses Krieges stellte im März 1988 der Giftgasangriff auf die Stadt Halabja durch die iraqische Armee dar, der zum Tod von rund 5.000 ZivilistInnen führte.
Erst in der Folge der Aufstände gegen Saddam Hussein, nach dem Ende des 2. Golfkrieges 1991 gelang es den iraqischen KurdInnen in einem Teil ihres Siedlungsgebietes ein autonomes Gebiet zu schaffen, das allerdings unter wirtschaftlicher Isolation, mangelnder internationaler Anerkennung und internen Kämpfen zu leiden hat und ständig von der Rückeroberung durch die iraqische Armee bedroht ist. In jenen Teilen Iraqisch-Kurdistans, die heute wieder unter Kontrolle der Regierung in Baghdad stehen, finden hingegen seit Jahren offene Vertreibungen der kurdischen Bevölkerung und Ansiedlungen palästinensischer und iraqischer AraberInnen statt. Saddam Hussein ließ die Welt ganz offen wissen, dass er arabischen Boden der an die Zionisten verloren gegangen wäre, hier zurückholen werde.
Auch im Iran ist es im 20. Jahrhundert immer wieder zu Aufständen kurdischer Gruppierungen gekommen. Die Demokratische Partei Kurdistens (DPK) schaffte es 1946 mit der Zustimmung der russischen Besatzungstruppen sogar einen autonomen Staat mit der Hauptstadt Mahabad zu gründen. Unter Präsident Qazi Mohammad wurden zwar die versprochenen sozialen Reformen nicht umgesetzt, allerdings gelang es in den knapp elf Monaten der Existenz des Staates eine Reform des Bildungssystems in Angriff zu nehmen. Durch den raschen Rückzug der sowjetischen Truppen konnte die iranischen Armee schon im Dezember 1946 dem ersten kurdischen Staat ein Ende bereiten. Qazi Mohammad wurde mit den Mitgliedern seiner Regierung am 31. März 1947 öffentlich hingerichtet.
Die DPK wurde zwar 1955 von A. Ghassemlou im Untergund wiedergegründet, schaffte es aber trotz eines jahrzehntelangen Guerillakrieges nie wieder ein größeres Territorium unter ihre Kontrolle zu bringen. Ghassemlou selbst wurde gemeinsam mit anderen kurdischen Unterhändlern am 13. Juli 1989 von iranischen Agenten in Wien ermordet. Die österreichischen Behörden ließen seine Mörder nicht nur unbehelligt ausreisen, sondern begleiteten einen der dringend Mordverdächtigen elf Tage später sogar mit Polizeischutz zum Flughafen Wien-Schwechat um ihm die Ausreise nach Teheran zu ermöglichen.
Thomas Schmidinger
Günther Deschner:
Die Kurden
Das betrogene Volk
Frankfurt / Berlin, 1991
Fadel Khalil:
Kurden heute
Wien, 1985
YEK KOM, Föderation kurdischer Vereine in Deutschland e.V.:
Bis zum letzten Kurden
Kurdenverfolgung in Deutschland
Bochum, 1996
FAROUK-SLUGLETT, Marion / SLUGLETT, Peter:
Der Irak seit 1958
Von der Revolution zur Diktatur
Frankfurt am Main, 1991
