LAHORE

Der Legende nach wurde Lahore von Loh, dem Sohn Ramas, einem legendären Helden der hinduistischen Mythologie gegründet. Fest steht, dass Lahore zum Zeitpunkt der muslimischen Eroberung bereits eine wichtige Stadt des Punjab darstellte und hier 1206 mit Qutub ad-Din Aibak der erste muslimische Sultan Indiens gekrönt wurde.

Ihre Glanzperiode erlebte die Stadt unter der Herrschaft der Moghulen von 1524 bis 1752. Zwischen 1584 und 1598 wurde sie unter Sultan Akbar sogar zur Hauptstadt dieses muslimischen Großreiches erhoben. Sultan Akbar ließ ein großes Fort und eine Stadtmauer mit 12 Toren um die Stadt errichten, die unter seinen Nachfolgern ausgebaut wurden. Unter Aurangzeb (1658 – 1707) wurden schließlich mit der Badshahi Moschee und dem Alamgiri Tor die heute bekanntesten Monumente der Stadt errichtet. Lahore kam schließlich 1799 unter die Herrschaft der Sikhs, einer monotheistischen Religionsgemeinschaft, die hinduistische und islamische Elemente in sich vereinte und heute noch im indischen Teil des Punjab die dominierende Religion darstellt, ehe es Teil des dem britischen Kolonialrech in Indien eingegliedert wurde.

Als Hauptstadt des Punjab blieb die Lahore auch unter britischer Herrschaft eine der bedeutendsten Städte Nordindiens. Eine Reihe wichtiger Bauten im Stil der “Moghul Gothic” stammen ebenso aus der Phase der britischen Kolonialherrschaft, wie moderne Bauten in europäischen Stilen.

Mit der Teilung Indiens in zwei unabhänige Staaten, 1947, wurde auch der multireligiöse Punjab geteilt. Während der Osten mit Amritsar, der heiligen Stadt der Sikhs, an das hinduistisch dominierte Indien angegliedert wurde, kam der Westen mit der Hauptstadt Lahore an den neuen muslimisch-indischen Staat Pakistan. Für den religiös stark gemischten Punjab brachte diese Teilung einen Flüchtlingsstrom in beide Richtungen mit sich. HinduistInnen und Sikhs flüchteten nach Indien, MuslimInne nach Pakistan. Die Ansiedlung tausender muslimischer Flüchtlinge in den großen Städten Pakistans stellte jedoch nur das erst die erste Welle des explosionsartigen Wachstums der pakistanischen Großstädte Lahore, Karachi, Faisalabad und Hyderabad dar. Das Schnelle Wachstum der Bevölkerung und die Landflucht trugen seit der Unabhängigkeit des Landes zu einem steten Anwachsen der großen Städte bei. Heute leben in Karachi rund 10 Millionen Menschen. Lahore hat eine Einwohnerzahl von über 5 Millionen, Faisalabad 2 Millionen. Dagegen nimmt sich die Hauptstadt Islamabad mit 1 Million Einwohner geradezu als Kleinstadt aus. Dieses rasche Anwachsen der städtischen Bevölkerung sorgt in einem Land mit einem extremen Armutsgefälle zu einer weiteren Verschärfung sozialer Probleme. Große Teile der BewohnerInnen dieser Millionenstädte fristen ihr Leben in Armenvierteln. Millionen Pakistanis leben ausschließlich vom informellen Sektor und besitzen als einzige soziale Absicherung ihre Familien und die Wohlfahrtseinrichtungen islamischer Gruppierungen.

Islamische IntegralistInnen konnten nicht zuletzt aufgrund ihrer sozialen Einrichtungen in den letzten Jahren auch in den großen Städten des Landes eine immer größere Zahl an UnterstützerInnen finden. Ihre politische Basis ist längst nicht mehr auf die tribalen Gesellschaften in der Grenzregion zu Afghanistan beschränkt. Die Unterstützung Pakistans für die Taliban in Afghanistan, wirkte sich seit der Kehrtwendung der pakistanischen Regierung nach dem 11. September auch umgekehrt auf die pakistanische Bevölkerung aus. Längst haben militante IslamistInnen auch in den großen Städten des Landes aktive UnterstützerInnen gefunden und sich als wichtige Oppositionskraft konstituiert. In Teilen der Stammesgebiete im Westen des Landes wurde sogar schon die Sharia, das islamische Recht, eingeführt.

Die Frage des Verhältnisses von Staat und Religion bildet so neben den sozialen Problemen des Landes, eines der drängendsten Problemfelder des modernen Pakistan. Bei den Ende Oktober 2002 abgehaltenen ersten Parlamentswahlen seit dem Militärputsch von Präsident Musharraf vor drei Jahren, konnte das islamistische Parteienbündnis MMA mit einem gegen die USA gerichteten Wahlkampf, zur drittstärksten Partei anwachsen. Die Macht bleibt jedoch vorerst weiterhin in den Händen des Militärmachthabers Musharraf.

Thomas Schmidinger

Muhammad Rafique Afzal:
Pakistan
history and politics, 1947 - 1971
Oxford, 2001

Akbar S. Ahmed:
Jinnah, Pakistan and Islamic identity
The search for Saladin
London, 1997

Ahmed Rashid:
Taliban
Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad
München, 2001

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