SAMARKAND

Jüngere archäologische Forschungen ergaben, dass Samarkand mit mindestens 2700 Jahren, eine der ältesten Städte Zentralasiens darstellt.

Bereits als Hauptstadt Sogdiens bildete das alte Marakanda die zentrale Stadt an der antiken Seidenstraße, die Rom, Ägypten, Syrien und den Iran mit China verband. Wie alle sogdischen Städte Zentralasiens, baute der Reichtum der Stadt v.a. auf dem Handel über diese Route auf, über die keineswegs nur Seide, sondern sämtliche Luxuswaren zwischen den mediteranen Zivilisationen und dem antiken China gehandelt wurden.

Nach der Eroberung der Stadt durch Alexander den Großen und wechselnden Herrschaften lokaler, iranischer, arabischer und mongolischer Herrscher, begann das goldene Zeitalter der Stadt als Hauptstadt des von Timur Leng (1370-1404) geschaffenen Großreiches, das neben dem heutigen Usbekistan auch den Iran, Irak, Georgien, Armenien, Azerbeidschan, Afghanistan und Teile Pakistans und Indien umfasste. Samarkand entwickelte sich damit von der Händlerstadt zur Metropole eine Reiches in der sich unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen niederließen, die sich unter dem Dach einer urbanen von der persischen Sprache und von der islamischen Religion geprägten Kultur einfanden. Die Stadt stand im Ruf unermesslichen Reichtums und wurde das wichtigste Zentrum der Wissenschaft in ganz Zentralasien. Viele der weltbekannten Moscheen und Medresen der Stadt stammen aus der Zeit Timurs und seiner Nachfolger. Unter Timurs unmittelbarem Nachfolger Ulug´bek (1424-1428) wurde in der Stadt ein Observatorium errichtet in der ein Sextant mit einem Radius von 40,4 Metern am Ende einer durch einen Hügel geführten und durch Mauern abgestützten Mittagslinie gemauert wurde. Die Reste dieser gewaltigen Sternwarte sind heute noch in der Stadt zu sehen.

Wie andere Städte Zentralasiens war Samarkand bis ins 20. Jahrhundert hinein eine mehrheitlich iranischsprachige Stadt, umgeben von einer turksprachigen Umgebung, die eine Fülle sprachlicher Minderheiten umfasste.
Eine Zugehörigkeit zu einer “Nation” oder einem “Volk” wurde bis in die Sowjetunion hinein nicht als solche empfunden. Die Identität wurde für StädterInnen vielmehr durch den Bezug auf ihre Stadt, für Stammesangehörige in Bezug auf den jeweiligen Stamm definiert.
Die Schaffung von Nationen wurde, so wie überall, auch in Zentralasien von einem Herrschaftsapparat durchgesetzt. Im Gegensatz zur Entstehung der europäischen Nationalstaaten, wurden die zentralasiatischen Nationenkonstrukte aber nicht durch einen “eigenen Staat” der jeweiligen Nation durchgesetzt, sondern unter sowjetischer Oberhochheit. Die leninsche, v. a. aber die stalinistische Nationalitätenpolitik schuf erst die zentralasiatischen Nationen.
Der Imperialismus des Russischen Reiches wurde durch die Oktoberrevolution zwar modifiziert, in vielen Bereichen aber auf die sowjetische Großmachtpolitik übertragen. Wenn Lenin auch davon ausging, daß es wie “zur Abschaffung der Klassen nur durch die Übergansperiode der Diktatur der unterdrückten Klasse kommen kann [...] zur unvermeidlichen Verschmelzung der Nationen nur durch die Übergangsperiode der völligen Befreiung, das heißt Abtrennungsfreiheit aller unterdrückten Nationen kommen” kann (LENIN, 1975: 173), so geht er damit zum einen von einem zu diesem Zeitpunkt in Zentralasien nicht vorhandenen Nationenkonzept aus, zum anderen unterscheidet sich dieses Konzept aber auch bereits zu Lebzeiten Lenins deutlich von der sowjetischen Realpolitik, die zwar eine Reihe ehemaliger Kolonialgebiete in die Unabhängigkeit entließ aber teilweise schon innerhalb weniger Jahre wieder unter ihre Kontrolle brachte.
Die Sowjetrepubliken Zentralasiens unterlagen dabei mehreren Grenzänderungen und wurden erst unter Stalin in ihren heutigen Grenzen festgelegt. Eine wichtige Rolle für die stalinsche Nationalitätenpolitik spielten dabei die Sprachen, die Schaffung von Titularsprachen durch die selektive Förderung von lokalen Dialekten, die Einführung des lateinischen Alphabets und die Aufoktroyierung der kyrillischen Schrift als Beginn einer verstärkten Politik der Russifizierung.
Die zentralasiatischen Nationsbildungen waren natürlich mit all jenen Problemen verbunden, die die Schaffung von Nationen mit sich bringen. Zu jeder Nationswerdung gehört eine mehr oder weniger gewaltsame Homogenisierung der Bevölkerung, die schließlich zur Zerstörung anderer kollektiver Identitäten als der Nation führen kann.
Im Falle von Zentralasien führten die Nationswerdungen durch die völlige Durchmischung persischsprachiger und türkischsprachiger Bevölkerung schließlich zur Entstehung großer “Nationaler Minderheiten” und gewisser Rivalitäten zwischen den einzelnen Sozialistischen Sowjetrepubliken. Insbesondere Tajikistan fühlte sich gegenüber den anderen Republiken benachteiligt, da alle wichtigen urbanen Zentren persischer bzw. tajikischer Kultur, wie Buchara und Samarkand, der Usbekischen SSR zugeschlagen wurden, während die tajikische Hauptstadt Duschanbe zum Zeitpunkt der Republiksgründung eine unbedeutende Kleinstadt darstellte.
Die durch die Schaffung nationaler Republiken entstandenen Probleme in Zentralasien, wurden durch den Zerfall der Sowjetunion weiter verschärft. Abgetrennt von ihren jeweiligen “Mutterländern” wurde die Frage nationaler Minderheiten für die jungen Staaten Usbekistan, Tajikistan, Kirgistan neben der Frage des Verhältisses zwischen Staat und Religion zu einem der zentralen Probleme der jungen Nationalstaaten.
Neben ethnisierten sozialen Problemen spielen teils militante islamisch-integralistische Bewegungen eine wichtige Rolle in den politischen Auseinandersetzungen Usbekistans und Tajikistans. Bewegungen wie die Partei der Islamischen Widergeburt (PIW), die Islamische Bewegung Usbekistans (IMU) oder die Hizb at-Tahrir, die teilweise auch von bewaffneten Gruppen aus Afghanistan unterstützt wurden, tragen insbesondere in Usbekistan und Tajikistan ständig zur politischen Destabilisierung bei, werden aber von den Regierungen ihrer Staaten auch als Argument missbraucht, ihre Staaten immer offener autoritär zu regieren. Im Windschatten des “Kriegs gegen den Terror” gelingt es der Usbekischen Regierung immer wieder Kritik an der Errichtung eines Polizeistaates mit dem Hinweis auf islamistischen Terror abzuwehren.

Thomas Schmidinger

Julia M. Eckert:
Das unabhängige Usbekistan: Auf dem Weg von Marx zu Timur
Politische Strategien der Konfliktregelung in einem Vielvölkerstaat
Münster, 1996

W. I. Lenin:
Ausgewählte Werke
Moskau, 1975

Tilman Nagel:
Timur der Eroberer und die islamische Welt des späten Mittelalters
München, 1993

Judith Peltz:
Usbekistan entdecken
Auf der Seidenstraße nach Samarkand, Buchara und Chiwa
Berlin, 2000

Ahmed Rashid:
Heiliger Krieg am Hindukusch
Der Kampf um Macht und Glauben in Zentralasien
München, 2002

Helmut Uhlig:
Die Seidenstrasse
Antike Weltkultur zwischen China und Rom
Köln, 1998

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